Heute vor 25 Jahren

Gestern habe ich meinem Sohn berichtet, wie das damals so war, als die Mauer fiel. Das war einerseits komisch (son bisschen Oma-und-Opa-gefühl „weisst du, damals war alles noch ganz anders…“), andererseits aber auch toll, weil ich damals schon das Gefühl hatte, Wahnsinn, ich erlebe hier hautnah Geschichte, davon werde ich noch meinen Enkeln berichten.

Mich hat das auch persönlich betroffen, weil wir sehr viel Verwandtschaft in Rostock hatten/haben und wir oft genug in die DDR gefahren sind zum Besuchen. Das war ein ziemlich großes Ereignis, weil es erstens echt teuer war (man musste ja pro Tag 25 DM in 25 Ostmark umtauschen – das war immer ein Riesenproblem, das dann auch auszugeben…) und zweitens war es mit langwierigen Visumsformalitäten im Vorfeld und einer echt demütigenden Prozedur an der Grenze verbunden…Das Auto wurde von oben bis unten gefilzt und humorlose Grenzsoldaten kontrollierten gefühlt 10x den Pass…Zumal wir das Auto IMMER voll mit verbotenen Dingen hatten (z.B. diversen Exemplaren des Spiegels oder Schallplatten etc…). Das war jedes Mal eine wahnsinnige Anspannung – wir sind aber nie erwischt worden. War man dann bei seinen Verwandten angekommen, musste man sich noch polizeilich anmelden…Selbst ich, die ich ja damals im Teenie-Alter war, habe das als furchtbar und entwertend empfunden…sollte man wohl auch als böser Westbürger. Ich wusste also aus eigener Erfahrung, was so an der Grenze abging.

Und dann haben wir auch noch im Sommer 1989 alle zusammen (also wir und die DDR-Verwandschaft) am Balaton in Ungarn Urlaub gemacht. Da ging das ja los mit der massenhaften Flucht von DDR-Bürgern über Ungarn und die Tschechoslowakei…Die Bilder der überfüllten Botschaften in Prag und der damalige Außenminister Genscher, der im Jubel der Leute die Ausreisegenehmigung verkündet…ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich dran denke. Man KLEBTE quasi am Fernseher und Radio, weil es ständig neue, noch unglaublichere Neuigkeiten gab. Und dann wurde ja im Herbst aus der Friedensbewegung der DDR das absolute Massenphänomen. Die Leute zogen in den sog. Montagsmärschen (ich glaube, das nahm in Leipzig seinen Anfang…) zu Tausenden durch die Städte und man hörte nur immer „WIR SIND DAS VOLK“ und sah Plakate mit „KEINE GEWALT“ – und das wurden immer und immer mehr Menschen. Wir saßen fassungslos vorm Fernseher und hatten eine Wahnsinnsangst, dass jetzt gleich Panzer um die Ecke rollen und in die Menge ballern.

Und dann der Abend der legendären Pressekonferenz. Wir konnten es einfach nicht glauben, ich glaube, wir haben die ganze Nacht vor dem Fernseher gesessen und uns dafür verflucht, dass wir alle vor Aufregung schon soviel Wein getrunken hatten, dass keiner mehr fahren konnte. Sonst hätten wir uns ins Auto gesetzt und wären nach Berlin gefahren (das war ja von Hamburg aus nicht so weit). So mussten wir uns damit begnügen, uns aus der Ferne mit den Menschen zu freuen und zu weinen. In dieser Zeit waren wir wirklich ein Volk, das war so eine kollektive Freude (die hielt dann auch noch einige Zeit danach an) – sowas habe ich tatsächlich nie wieder erlebt. Und die ganze Zeit dieses Wahnsinnsgefühl, dass ich selbst, ich persönlich hier etwas historisch Einmaliges erlebe…

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag, ob Ost, West, Nord, Süd!

diefraumasulzke

2 Kommentare

  1. Kann gar nicht so viele „Gefällt mir“ drücken, wie ich möchte. Ich war auf der anderen Seite und werde dieses Gefühl der Wende vor 25 Jahren nie vergessen. Bin immer wieder ergriffen von Genschers Rede und schaue sie mir immer wieder gern an. Für meine Kinder ist alles so selbstverständlich, das Reisen, die Meinung sagen können, die Weintrauben ohne Kerne . . . . . 🙂 Ist auch gut so! LG Undine

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