Erlesen im November: Wie ist das eigentlich mit Hörbüchern?

Moin Welt.

Zählen er-hörte Bücher eigentlich auch als richtig gelesen? Ich habe da irgendwie so einen inneren Moralkodex, das seien keine „richtig gelesenen“ Bücher sagt er mir. Aus diesem Grund habe ich bisher nur sehr wenige Bücher gehört. Ich mag es, wenn die Figuren in meinem Kopf ihre eigene Stimme haben und möchte nicht, dass mir das jemand – also in dem Fall der Sprecher – wegnimmt. Das ist so wie mit vielen Filmen, oft empfindet man das Buch doch als „viiiiiel besser“.  Außerdem schlafe ich sofort ein, wenn mir jemand vorliest. Muss eine frühkindliche Prägung sein 😉

Jedenfalls gibt es eine Ausnahme: Nämlich lange Autofahrten. Da wir ja öfter mal in den Norden fahren (was ja, wenn es gut läuft, mindestens 4 Stunde reine Fahrtzeit sind), haben wir jetzt schon des öfteren mal ein Hörbuch gehört. Angefangen mit „Altes Land“ von Dörte Hansen, tolles Buch und großartigst vorgelesen von Hannelore Hoger und jetzt auf der Fahrt nach Sylt „Was ich Euch nicht erzählte“ von Celeste Ng.

Eine packende Geschichte zwischen Krimi und Familiengeschichte: Die 17jährige Lydia wird tot aufgefunden und es ist unklar, ob es Mord oder Selbstmord war. Nach und nach erfährt man die Hintergründe über das zutiefst unglückliche, überforderte Mädchen, das an den Ansprüchen an Beliebtheit und Intelligenz ihrer Eltern an sie schier zerbricht. Ihr Vater, der selbst als Sohn chinesischer Einwanderer immer mit dem latenten Rassismus seiner Umgebung zu kämpfen hatte möchte sie am liebsten als Abschlussballkönigin sehen und ihre Mutter besteht auf der Karriere als Ärztin, die sie selbst für die Familie aufgegeben hat. Ganz oft dachte ich, das arme arme Kind. Gleichzeitig habe ich genau das aber auch für den Vater, als auch die Mutter und die beiden anderen Geschwister, die auch jeweils eine wichtige Rolle für die Geschichte spielen, empfunden. Familie halt.

Die Geschichte ist sehr genau beobachtet – möglicherweise zeigen sich hier auch autobiografische Züge? (Die Autorin ist lt. Klappentext Tochter chinesicher Einwanderer) . Großartiges Buch jedenfalls , hier wiederum nicht ganz so virtuous von Britta Steffenhaben vorgelesen, so dass ich das Gefühl habe, ich möchte es nochmal selbst lesen.

Wo ich mich gerade mit den Hörbüchern angefreundet hatte, passte es ganz prima, dass ich ein Hörbuch von Random House Audio-Verlag zum Rezensieren bekommen habe, nämlich „Als wir zum Surfen noch ans Meer gefahren sind“ von Boris Hänssler, gelesen von Christian Ulmen. Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich dafür bedanken. Auf meine Meinung hat das jedoch keinen Einfluß.

Naja, tatsächlich: Ich kann mich noch an Schwarz-Weiß-Fernseher mit 3 Programmen plus DDR, Autos ohne Kindersitze und Telefon mit Wählscheibe erinnern. Sehr gut sogar. Und so einer „humorvolle, leicht melancholische Reise in die Vergangenheit kurz vor dem Siegeszug des Internets“ (so der Klappentext) hört man doch gerne zu – dachte ich. Zumal ich den Sprecher sehr schätze. Leider hat mich das Ganze nicht wirklich überzeugt, klar kenne ich die Themen „Fahren mit Landkarte und OHNE Navi“ „Dating OHNE Tinder “ oder „Reisen OHNE vorher 1000 Blogs zu dem Thema gelesen zu haben“ aus eigener Erfahrung und es ist irgendwie auch ganz amüsant erzählt. Trotzdem hat mich die leise Lamoryanz in den Texten (so nach dem Motto „Früher war sowieso alles besser“ und „Wo mag dieser ganze Wahnsinn“ noch hinführen“) gestört. So war ich ganz froh, dass die Gesamtzeit nur 2 Std. 15 Min. war und habe Herrn Ulmen bewundert, der das Kunststück fertigbringt, EXAKT so zu klingen wie ich mir einen Chefredakteur eines Lokalblatts irgendwo in der deutschen Provinz Mitte der 80er vorstelle (Horst Schlämmer läßt grüßen).

Kommen wir dann zu den GELESENEN Büchern. Im Urlaub habe ich den dritten Band von Joachim Meyerhoff gelesen „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Genauso fantastisch wie die anderen beiden Bücher. Ich habe ständig gekichert (was mir eigentlich beim Lesen sonst nicht sooo häufig passiert).Nach dem ersten Band (Kindheit in Norddeutschland als Sohn des Chefarzts in einer psychiatrischen Klinik) und dem zweiten (Austauschjahr in den USA) erzählt er nun im dritten Band von seinen Jahren auf der Schauspielschule und bei seinen Großeltern in München und er macht das einfach großartig. Dicke Leseempfehlung!

Ich habe ja letztens das Buch „Sachen machen“ von Isabel Bogdan gelesen und empfohlen. Die Autorin hat ja jetzt auch mit „Der Pfau“ einen richtigen Bestseller hingelegt. Und da mir das mit den Sachen so gut gefallen hat, habe ich jetzt auch den Pfau gelesen. Bin ein wenig zwiegespalten. Was wirklich komisch ist und wozu ich bestimmt 80 Seiten gebraucht habe, bevor es mir aufgefallen ist, ist, dass das ganze Buch ohne wörtliche Rede geschrieben ist. Es hat also den Anklang eines „Berichts“. Komisch zu lesen und ich verstehe den Sinn nicht. Nur als Stilmittel? Um sich irgendwie abzuheben? Die Geschichte ist herrlich abstrus und ziemlich verwickelt: Es geht um eine Gruppe englischer Banker, die durch Schnee auf einem Landsitz in den schottischen Highlands festsitzen und eigentlich Teambuilding machen sollen/wollen. Bis der namensgebende Pfau alles durcheinanderbringt. Trotzdem geht am Ende alles gut aus. Wie das im einzelnen zusammenhängt, das sollte der lesen, der skurrile, gut gedachte Geschichten mag. Das Buch ist mit 250 Seiten nicht zu dick und lässt sich gut und unterhaltsam lesen.

Bis die Tage

Die fraumasulzke

 

2 Kommentare

  1. Ich finde Hörbücher toll, für andere. Zwei Kinder habe ich mit viel Vorlesen großgezogen und beide liebten ihre Hörspielkassetten. Für meine Große waren sie ein Segen während ihrer langen Krankhausaufenthalte. Inzwischen 28 und 31 lieben sie Hörbücher in allen Lebenslagen.
    Für mich selbst sind sie, zusammen mit all den Angeboten zur progressiven Muskelentspannung, Einschlafhilfen. Ich komme selten bis nie über das erste Kapitel hinaus und hasse es irgendwann von einer fremden Stimme aufgeweckt zu werden. Demzufolge sind Hörbücher keine Option für mich auf Autofahrten. Ich höre Radio und Bücher lese ich lieber selbst.
    Viele Grüße,
    Karin

  2. Kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen. Ohne Häkelzeug in den Händen würde ich schon keinen Film im Fernsehen schaffen. Hörbuch habe ich auch versucht. Dauerte genau 5 Minuten, dann war ich weg. LG Undine

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