Hilflos? Respektlos? Sexistisch?

Moin Welt.

Man stelle sich mal folgende Situation vor: Eine Frau tritt aus dem Haus und auf der Straßenseite gegenüber liegt ein Mädchen auf dem Bürgersteig und zuckt heftig. Neben ihr eine ältere Dame, offensichtlich überfordert, was sie machen soll und auch offensichtlich ohne Handy. Die Frau eilt also zu den beiden anderen Frauen, zückt SOFORT ihr Handy, wählt 112 und erzählt dem Notruf, was passiert ist (junges Mädchen, liege auf dem Boden und zuckt wie wild, möglicherweise ein epileptischer Anfall). Der Mann am anderen Ende fragt nach: schwarze Haare, schlanke Gestalt, ca. 16 Jahre alt? Die Frau bejaht. Die wäre bekannt im Stadtteil als Epileptikerin, sie schicken sofort jemanden, bitte bei der Frau bleiben und nicht anfassen, das würde sie nicht mögen und sehr allergisch drauf reagieren. Alles klar soweit?

Nun passiert folgendes: Im Abstand von ca. 20 Sekunden kommen Passanten herbei geströmt, die sich um die junge Frau scharen und sie bestenfalls anglotzen. Ein Mann schreit die Frau an, WAS IHR DENN FEHLE OB SIE IHN HÖREN KANN, rüttelt an ihrer Schulter. Die zuckende Frau zuckt daraufhin noch mehr. Die Frau mit dem Anruf beruhigt die Passanten und sagt, sie habe den Notruf selbstverständlich sofort alarmiert. Bitte die Frau nicht anfassen. Der nächste Mann steigt aus seinem Auto – ob der Notruf denn alarmiert worden sei??? – rüttelt an der zuckenden Frau, die das ganz offensichtlich ziemlich scheiße findet – wieder sagt die Frau mit dem Handy, ja der Notruf ist alarmiert, bitte die Frau nicht anfassen. Der erste Mann, übrigens offensichtlich ohne festen Wohnungsitz und leicht ungepflegt, schmeisst der Frau am Boden seine Jacke über, was die, die sich ja nicht anders wehren kann, mit wieder wilderen Zuckungen quittiert. Inzwischen sind noch mindestens 10 andere Passanten gekommen, glotzen die Frau an und fragen wild in die Runde, OB DENN JEMAND DEN NOTARZT ENDLICH ANGERUFEN HAT??? (Ja. Natürlich. Sofort. Bitte nicht anfassen, das möchte sie nicht.)

Inzwischen hat der zweite Mann wohl gemerkt, dass die am Boden liegenden Frau ruhiger wird, wenn man sie einfach nicht anfässt und hält weitere Männer davon ab, die ihr wahlweise Wasser einflößen wollen (WTF?! Die Frau hat wie wild gezuckt) oder ihr aufhelfen wollen. Komischerweise (?) lassen sich diese Männer von dem Mann eher abhalten als von der Frau.

Nach ein paar Minuten kommt der Notarzt, erstaunlich unaufgeregt und übernimmt. Schickt alle weg. Alles sei ok. Die Frau ist bekannt. Nix Schlimmes.

Und lässt mich – übrigens die Frau mit dem Handy – mit einigen Fragen zurück. Frage 1: Warum konnten diese Männer es nicht akzeptieren, dass ich gesagt habe, das Mädchen möchte nicht angefasst werden? Frage 2: Warum haben sie erst aufgehört, Sie anzufassen, als ihnen das ein anderer Mann gesagt hat?

Jetzt könnte man natürlich sagen, sie wollten ja nur helfen. Und keiner hat die Situation irgendwie ausnutzen wollen (das kann ich bestätigen). Ich konnte das Mädchen sehr gut verstehen. Wenn es ihr ja offenbar wirklich öfter passiert, dass sie hilflos zuckend auf dem Boden liegt und alle an ihr rumgrabbeln und sie sich nicht wehren wann, dann würde ich das auch nicht wollen. Zumal es für ein junges Mädchen sicher auch nicht besonders toll ist, in dieser Situation von 20 im Kreis herzumstehenden Passanten angeglotzt zu werden Und ganz offensichtlich war ja Hilfe unterwegs. Wirklich interessiert hat sie das die Typen allerdings auch nicht. Am meisten hätten sie ihr geholfen, wenn sie einfach weitergegangen wären und das Mädchen in meiner Obhut und vielleicht noch dem anderen Mann, der sie dann später auch beschützt hat, gelassen hätten.

Mich beschäftigt das Erlebnis ganzschön. Wie seht ihr das – war das Verhalten einfach hilflos? Respektlos? Oder gar sexistisch?

Bis die Tage

Merle

4 Kommentare

  1. Liebe Merle,
    ich antworte aus dem Bauch heraus, nach dem ersten Lesen. Vielleicht würde ich nach 24 Stunden moderater antworten, wer weiß?!
    Und ich verwende deutliche Worte, die andere abschrecken mögen. Ich lese Gewalt. Doppelte Gewalt, die in der Situation ausgeübt wurde. Es ist Gewalt, wenn der Frau Wasser eingeflösst oder sie festgehalten wird, obwohl Außenstehende mitteilen, dass dies nicht gewünscht sei. Und es ist eine Gewaltform, die dir gegenüber angewandt wird, wenn deine Aussage als wertlos betrachtet wird und gegenteilige Handlungen ausgeübt werden.
    Du hast alles richtig gemacht und vor allen Dingen hast du ALLES gemacht, was in der Situation getan werden konnte.
    ‚Leider‘ bist du wahrscheinlich die Einzige in der Geschichte, die über die Begabung der Selbstreflexion verfügt und ihr Handeln überdenkt und prüft.
    Ich bedauere sehr, dass dir, während du anderen hilfst, dermaßen respektlos begegnet wird.
    Vielleicht ist es eine Hilfe zu wissen, dass mir Ähnliches widerfahren ist? Es gab einen Autounfall, zu dem ich dazu kam. Das Unfallopfer war ein mir bekanntes Kind nebst deren etwas älterer Schwester. Extreme Schocksituation für die Große, die sich vermeintlich verantwortlich fühlte. Während ich der Großen zuredete (die Kleine wurde bereits durch Sanis versorgt), meinte ein Wildfremder mich und meine gesprochenen Worte in Frage stellen zu ‚dürfenmüssen‘. Woher seine vermeintliche Kompetenz kam? Keine Ahnung. Vielleicht angeboren? Ich habe diesen Menschen rückblickend ad acta gelegt, seine Inkompetenz, seine Dummheit. Mein Lernfeld (wohlgemerkt: noch längst nicht abgeschlossen!) ist andere Menschen dort stehen zu lassen, wo sie sich befinden. Mit ihrem Tun, mit ihrem Handeln, mit ihren gesprochenen Worten. Ich muss meinen Schutzwall stabil und aufrecht erhalten und, besonders in diesen emotional angreifbaren Momenten, meinen Eigenschutz aktiv halten.
    Liebe Merle, du hast richtig gehandelt. Andere nicht. Lass dich dadurch nicht verunsichern.
    Grüße
    Simone

  2. Den Laptop aufgeklappt und den am Sonntag angefangen Kommentar, den ich nicht abgeschickt hatte!, entdeckt. Jetzt aber …
    Du hast alles richtig gemacht und das Glück gehabt eine Person irgendwann an der Seite zu haben, die dich unterstützen konnte. So konnte sich einer um die hilflose Person kümmern und der andere um das Publikum.
    Da ich nicht dabei gewesen bin kann ich nicht beurteilen in wie weit Hilflosigkeit, Respektlosigkeit oder Sexismus die Situation beeinflusste. Vielleicht von allem etwas, aber auch das Bedürfnis zu helfen. Wird einfach drauflos mitgeholfen ist die Lage schnell so, wie du beschrieben hast, Lage schief und das Ergebnis „Das Gegenteil von gut ist (nicht böse, sondern) gut gemeint.
    Ärgerlich macht mich vor allem, dass du dich bemühen musstest gehört zu werden, dass dir nicht zugehört wurde! Beides gehört leider auch zu meinem Alltag und ich frage mich oft wieso eine kurze knappe Aufforderung von mir als Lehrerin anders aufgenommen wird als die von meinem männlichen Kollegen, meine Anweisung zu Diskussionen führt oder gänzlich ignoriert wird und beim Kollegen werden die Aufgaben kommentarlos ausgeführt.
    Ich denke es ist die Art des Wordings. Frauen benutzen tatsächlich mehr Wörter und drücken sich selbst wenn es brenzlich wird immer noch nett aus.
    Inzwischen verbiege ich mich und gebe in Situationen, wo es darauf ankommt, Ansagen, wie meine Kollegen. Es lebe der Imperativ!
    Grundsätzlich freut es mich beinahe, dass überhaupt Passanten stehen blieben. Vor Jahren brach vor mir und meinen, damals kleinen, Kindern ein Mann zusammen. Da er nicht ansprechbar war bat ich Passanten um Hilfe. Der erste Mann, der anhielt, bückte sich, roch Alkohol, richtete sich wieder auf, äußerte sich unflätig über den Zustand und TRAT ihn noch. Es half niemand! Mit meinen Kindern drehte ich den Mann in die Seitenlage und meine Große lief in die nahe Bank um Hilfe zu organisieren. Dort kannte man den Mann schon und der Notarzt war ruckzuck vor Ort. Zuckerkranke riechen bei Unterzuckerung nach Alkohol.
    Du hast alles richtig gemacht! Fühl dich mal fest gedrückt!
    Mit vielen lieben Grüßen,
    Karin

    • fraumasulzke

      28. Februar 2018 at 18:26

      Liebe Karin, vielen Dank für Deinen reflektierten Kommentar. Genau so war es und dass es gut war, dass sich einer um das Mädchen und einer um das Publikum kümmern konnte, so hatte ich es noch gar nicht gesehen. Für das Mädchen war es sicher das beste! Wahrscheinlich sind viele Leute einfach in so einer Situation überfordert und Hauptsache ist, dass dem Mädchen nichts Schlimmeres passiert ist. LG zurück Merle

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